Als ich mich am Montagmorgen neugierig ins Berliner Regierungsviertel begab, um meine Arbeit als Praktikant anzutreten, wurde ich in Martins Büro freundlich von seinen Mitarbeitern Beate und Dirk empfangen. Auch die scheidende Praktikantin Heike war zeitweise noch anwesend. Der Chef selber hielt sich während den ersten zwei Wochen meines Praktikums über weite Strecken im Wahlkreis auf, so dass ich an seinem Schreibtisch Platz nehmen durfte. Trotz seiner Abwesenheit ließ er es sich nicht nehmen, mich persönlich zu begrüßen. Das Telefon klingelte und ich hob ab: „Hallo Andy, hier ist Martin. Herzlich willkommen in Berlin!“…
Zu Beginn meines Praktikums nahm sich Dirk alle Zeit der Welt, um mir eine Privatführung durch die wichtigsten Gebäude des Regierungsviertels zu geben. Wow, das ist alles viel größer, als man denkt! Architektonisch beeindruckende Bauten mit schönen Büros, (mal mehr und mal weniger) stilvollen Kunstwerken und so großflächigen Korridoren, dass man problemlos Fußball darauf spielen könnte. Vor allem der Reichstag ist äußerst sehenswert!
Zurück im Büro wurden mir erste Tätigkeiten aufgetragen. Zunächst sollte ich im Internet Informationen über Costa Rica und über verschiedene Sportvereine (beispielsweise den VFB Friedrichshafen) recherchieren. Die Zusammenstellungen über die Sportvereine dienten Martin als Vorlage in diversen Sitzungen, denen er als Vertreter des Sportausschusses beiwohnte. Die Zusammenstellung über Costa Rica war für den Bürgermeister der Stadt Walldorf bestimmt. Dort sollte nämlich während der anstehenden Fußball- WM die Nationalmannschaft Costa Ricas unterkommen.
Etwas politischer wurde es, als ich zusammen mit Dirk diverse Handzettel anfertigen musste, welche Martin in verschiedenen Ausschusssitzungen als Grundlage dienen sollten. Es ging unter anderem um die Umsetzung von EU- Richtlinien zum Aufenthalts- und Asylrecht oder um die BND- Affäre im Irak, also um hochinteressante Themen, die auch in der Medienlandschaft viel Aufmerksamkeit erfuhren.
In der zweiten Hälfte meines Praktikums standen Sitzungswochen auf dem Programm. Martin war sehr darum bemüht, mich möglichst oft mitzunehmen. So wohnte ich dienstags den Sitzungen der Arbeitsgruppe Inneres und Sport bei. Am Mittwoch ging es in den entsprechenden Ausschüssen weiter. Ich war über die Ressorts von Martin sehr glücklich! Meist ging es um handfeste Themen (beispielsweise um Terrorismus, die Föderalismusreform, Dopingbekämpfung oder die anstehende Fußball- WM), mit denen man auch als vermeintlich Außenstehender etwas anfangen konnte.
In den fraktionsinternen Arbeitsgruppen wurde zwischen verschiedenen SPD- Abgeordneten oft heftig diskutiert. Als es dann aber in die fraktionsübergreifenden Ausschüsse ging, waren die SPD- Pfade (auch dank vorheriger Fraktionssitzung) meist gänzlich abgesteckt und die Fraktion hielt eisern zusammen. Mit der CDU/CSU lieferte man sich durchaus das ein oder andere Gefecht, doch man merkte an der überlegten Wortwahl, dass man nicht irgendwen, sondern den Koalitionspartner vor sich hatte. Mit der Opposition gab es hingegen – wie sollte es auch anders sein – oftmals strittige Auseinandersetzungen. Dagegen waren die Debatten im Bundestagsplenum, die am Donnerstag und am Freitag einer jeden Sitzungswoche stattfanden, fast schon langweilig. Auch wenn dort letzten Endes über Gesetze abgestimmt wird und mich der Anblick des gigantischen Plenarsaales sehr beeindruckt hat, ist für mich deutlich geworden, dass die wahre Politik vornehmlich in den kleineren Gremien, also in den Arbeitsgruppen und Ausschüssen, gemacht wird.
Zwischen den verschiedenen Sitzungen hielt ich mich immer mal wieder bei Beate und Dirk im Büro auf, wo ich unter anderem Antworten auf diverse Bürgerbriefe entwarf. Darin ging es um Themenfelder wie Finanz- , Gesundheits- und Verbraucherpolitik. Es war selten der Fall, dass ich bei der Arbeit Zeitdruck hatte. Wenn ich also wollte, dann konnte ich auch einfach mal zur Reichstagskuppel spazieren und die Aussicht genießen.
Während den Sitzungswochen kam es durchaus vor, dass man dem ein - oder anderen Spitzenpolitiker begegnete. Ludwig Stiegler aß regelmäßig in derselben Kantine wie ich. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel fuhr mit mir Aufzug. Bundesinnenminister a.D. Otto Schily hatte sein Büro direkt neben dem von Martin, so dass er mir zwangsläufig des Öfteren über den Weg lief. Sehr beliebt ist in der Fraktion der ehemalige Generalsekretär Klaus Uwe Benneter. Egal wo Klaus Uwe auftauchte – der Spaßvogel verstand es durch seine humorvollen Kommentare, jede noch so eintönige Sitzung aufzulockern…
Auch wenn der Beruf des Abgeordneten sicherlich seine Sonnenseiten hat, so hatte ich insgesamt den Eindruck, dass es sich um eine extrem zeitintensive und oftmals schwierige Aufgabe handelt. Martins Terminkalender ist meist proppevoll; von Wochenenden ganz zu schweigen. Man ist als Abgeordneter darum bemüht, es allen Recht zu machen – und das in Situationen, in denen der Wähler A, das eigene Gewissen B und die Koalition C sagt…
Das Praktikum bei Martin hat mir großen Spaß gemacht und mir viel gebracht! Vor allem die Tatsache, dass ich meist inhaltliche Arbeit verrichten durfte, hat mich positiv überrascht. Ich möchte Martin, aber auch Beate und Dirk, für die tolle Zeit in Berlin herzlich danken.
Berliner Büro
Martin Gerster, MdB
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